Wie geht es der Künstlerhand?

Cornelius
17.08.2018 2 8:02 min

Tautologien malen. Bilder sind Fenster, also sind Fenster-Bilder weiße Schimmel.

Womit verbringen Künstler ihren Tag und womit verdienen sie ihr Geld? Diese Frage wird regelmäßig gestellt, gern begleitet von traurigen Statistiken, an­th­ro­po­mor­phi­sie­rende Zahlenreihen sozusagen. Aber selten sind es die Künstler selbst, die fragen. Die sind viel zu beschäftigt.

Mein Leben als Künstler hat sich seit dem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf (1995 – 2002) und am Chelsea College of Art und Design in London (1999 – 2000) immer wieder grundlegend verändert. Eine Zeit lang habe ich ausreichend mit dem Verkauf meiner Bilder verdient, dann kamen aber immer wieder Jobs dazu, wie ein Lehrauftrag an der Kunstakademie Düsseldorf oder eine Sammlungsberatung.

In den Sommerwochen diesen Jahres hingegen hätte man mich morgens um 7.30 Uhr auf dem Weg zur Arbeit treffen können, im Regional-Express von Düsseldorf nach Essen. Für meine Verhältnisse ist das ein recht früher Arbeitsbeginn, aber ich hatte einen Auftrag: Ich war auf dem Weg zu Innogy in Essen, um dort ein Team von 15 Mitarbeitern zu zeichnen.

Am ersten Arbeitstag morgens im Zug sitzend erlebte ich diese Schrecksekunde, wenn man meint, etwas Wichtiges vergessen zu haben und weiß, dass es zu spät ist, das zu ändern. Der Zug rollte schon, als ich meinen Turnbeutel mit meiner Ausrüstung abtastete. Ich fühlte einzig meinen Zeichenblock und Zeichenstift. Und das war tatsächlich alles, was ich für den Tag brauchen würde. Der Moment jedoch erinnerte an den Schulstress vor über 20 Jahren. Was hatte ich mir hier bloß eingebrockt?

Ich will Dir zeichnen!

Im Herbst 2014 hatten mich Mitarbeiter der Firma sipgate in Düsseldorf angesprochen, ob ich sie zeichnen möge, um so individuelle Avatare für die Autoren des hauseigenen Blog zu generieren.

Bei sipgate bin ich seit Jahren der Resident Artist, befreundet mit mehr als der halben Firma. Einige meiner Bilder hängen in der hauseigenen Sammlung und in den letzten Jahren haben wir immer wieder gemeinsam Projekte gemacht.

Von vier Mitarbeitern Portraits zeichnen? Das sollte doch wohl machbar sein. Ich war einverstanden, wir vereinbarten einen Termin. An gesagtem Tag griff ich zu meinem japanischen Tuschepinselstift und Zeichenblock und begann mit dicken schwarzen Strichen nacheinander Anna, Micha, Johanna und Sascha zu zeichnen.

Ich brauchte in etwa 25 Minuten pro Zeichnung, aber auch mehrere Anläufe. Meine Aufgabe war ja nicht nur, eine passable Zeichnung zu fertigen, sondern auch erkennbare Ähnlichkeit mit der vor mir sitzenden Person herauszuarbeiten. Die vier waren mir sehr gnädig gestimmt und segneten die Ergebnisse ab, wenngleich Sascha mich am nächsten Tag daraufhin wies, das seine Freundin wenig Verständnis für sein linkes Hängeohr gezeigt hatte. Er selbst nahm es sportlich.

Sascha und das tiefergelegte Ohr (links)

Und ich? Ich hatte während des Zeichnens plötzlich Blut geleckt und dachte nun: Warum nicht einfach alle im Haus zeichnen? Zu der Zeit gab es bei sipgate etwa 120 Mitarbeiter. Fünf Zeichnungen am Tag, fünf Tage die Woche, fünf Wochen zeichnen, fertig!, so dachte ich. Ich sprach mit sipgate über meine Idee, man war einverstanden.

Das Konzept war folgendes: Ich würde zu einem festen Stundenlohn pro gelungener Zeichnung alle Mitarbeiter zeichnen, die dazu bereit waren. Die fertigen Zeichnungen würden gerahmt und in der Firma präsentiert. Die Wand mit den gezeichneten Portraits würde ich möglichst aktuell halten. Käme jemand neu dazu, würde er oder sie ebenfalls gezeichnet und aufgehängt; sollte jemand gehen, würde man seine Zeichnung mitnehmen dürfen.

Kunst ist Arbeit ist Kunst

Für mich war das Projekt aus mehrerlei Gründen sehr interessant. Wenngleich ich als Maler öfters in Werkgruppen mit einer Serie von Bildern arbeite, so hatte ich noch nie in einem solchen Umfang, und wie sich bald zeigen sollte, über einen solch langen Zeitraum, ein Projekt verfolgt.

Dass ich in einem Unternehmen, das auf Telefonie und damit verbundene Softwareprodukte spezialisiert ist, als Künstler mit meinen eigenen Mitteln arbeiten würde, fand ich spannend. Dass die Zeichnungen als Projektresultate nicht mir zur Verfügung stehen würden, sondern der Firma, war für mich ein akzeptables Novum. Als Künstler für meine künstlerischen Fähigkeiten auf Stundenlohnbasis bezahlt zu werden, schien mir im Vergleich zu klassischen Nebenjobsituationen geradezu progressiv.

Teil des Projekts war außerdem, ab einer repräsentativen Anzahl von Zeichnungen ein Buch über das Projekt zu veröffentlichen, dessen Produktion sipgate übernehmen würde.

Tennisarme dank Portraits

Zweimal Mini. Einmal vom 14.11.14 und einmal vom 1.7.15.

Meine ursprüngliche Kalkulation von etwa fünf Wochen Arbeit am Projekt erwies sich schnell als bar jeder Realität. Wenn ich vier oder fünf Zeichnungen am Tag gemacht hatte, war ich erschöpft. Es mangelte an Konzentration und das Handgelenk schmerzte. Regelmäßig habe ich außerdem Mitarbeiter mehrfach gezeichnet, weil es mein Wunsch war, dass sowohl Modell als auch Künstler mit dem Resultat einverstanden sein sollten.

Dann stellte sich heraus, dass ich beim Zeichnen immer langsamer wurde. Meine Striche wurden feiner, ich sah in den Gesichtern immer mehr Details. Ich bekam ein Verständnis für eine gelungene Komposition, ich zeichnete HÄNDE (alle Welt ist sich grundsätzlich einig, dass Hände zu zeichnen mit das Schwierigste ist, was die Grafik zu bieten hat). Ich nahm mir selbst den überhöhten Erwartungsdruck um entspannter arbeiten zu können. Kurz gesagt: Ich wurde zwar langsamer, aber ich wurde auch besser.

Und dann gab es ein paar Mitarbeiter, die zu den ersten Modellen gehörten, jetzt aber, nach dem bereits einige Zeichnungen an der Wand hingen, noch mal gezeichnet werden wollten. Nach den ersten zehn Monaten des Projekts legte ich eine Deadline fest. Wer im Buch zu sehen sein wollte, den würde ich jetzt zeichnen. Alle anderen dann später. Die Firma wuchs und veränderte sich. Mir war klar geworden, dass ich selbst einen Zeitpunkt für das Buch wählen musste.

Im späten Sommer 2015 erschien dann „Die 117 Ansichten von sipgate“, das Portraitprojekt als Buch mit 117 Mitarbeiterportraits. Ich bin immer noch fasziniert davon, dass aus den ursprünglich vier Zeichnungen so ein umfangreiches Projekt geworden ist. Nicht zuletzt, weil die Lebendigkeit des Projekts, die Tatsache, dass die vor Ort hängenden Zeichnungen ein aktueller Spiegel der Mitarbeiter sind, für mich einer neuer Aspekt in meiner künstlerischen Arbeit ist.

Unter Bibelverdacht für Portraitzeichner: Die 117 Ansichten von sipgate.

Lernfähig bis zum Tod

In der Tat ist es so, dass das Portraitprojekt bei sipgate meine eigene künstlerische Arbeit maximal beeinflusst hat. Zum einen zeichne ich weiterhin Portraits, allerdings auch welche, die sich noch stärker auf mein persönliches Umfeld konzentrieren. Zur Zeit lebe ich in Glasgow und zeichne dort die neuen Freunde, Künstlerkollegen, Musiker. Zum anderen habe ich letztes Jahr ein Malereiprojekt begonnen, das einen ähnlich umfassenden Zeitrahmen hat: ich male über ein Jahr verteilt den Blick aus unserem Wohnzimmerfenster in Glasgow.

Die Wand mit den Portraits bei sipgate findet auch bei Besuchern immer wieder Aufmerksamkeit. So kam es dann auch zur Anfrage eines Teams von Innogy, ob ich sie vielleicht vor Ort zeichnen könne? Das Prinzip ist das Gleiche: Ich fahre nach Essen, mache maximal vier Zeichnungen am Tag, berechne einen Stundensatz, die Zeichnungen aber werden gerahmt und bleiben vor Ort.

Und obwohl ich morgens im Zug nervös mein Arbeitsmaterial durchsuchte, in dem sicheren Glauben Wesentliches vergessen zu haben, saß ich eine halbe Stunde später im 7. Stock des Innogy-Towers am Opernplatz und zeichnete in aller Ruhe Gosia aus dem Team von Daniel. Ich hielt einen Moment inne, denn im Vorfeld hatte ich mir durchaus Sorgen gemacht.

Anders als bei sipgate kannte ich hier noch niemanden. Ich hatte keinen der Mitarbeiter jemals zuvor gesehen. Trotzdem würde ich sie jetzt direkt mit schwarzer Tusche auf Papier zeichnen. Für jede Zeichnung hatte ich eine Stunde Zeit. Da gab es keine Chance für Korrekturen, die Termine waren von Anita durchgetaktet. Eine eventuelle Wiederholung gäbe es nur im Notfall (z.B. Tusche alle, Nase zu lang, Kaffee verschüttet – nichts davon ist soweit passiert).

In diesem Moment stellte ich erfreut fest, dass ich als Künstler meiner Aufgabe hier gewachsen war. Was über 500 gezeichnete Portraits in knapp vier Jahren doch für einen Unterschied machen.

Enrique Enriquez ist Dichter in NYC und wurde von mir im April gezeichnet. Foto: E: Enriquez.

P.S. Der Titel dieses Artikels ist bei Jörg Immendorff entliehen, meinem ersten Professor an der Kunstakademie Düsseldorf.

Exemplare des Buchs mit den Portraits gibt es bei sipgate oder beim von Paul McDevitt und mir gegründeten Verlag Infinite Greyscale. Was ich sonst so mache.

2 Kommentare


David:

Sind das im Aufmacherbild die „Blicke“ aus dem Wohnzimmer? Die Idee erinnert mich total an Monet. Malst du dann auch immer nur zur entsprechenden Tageszeit?

antworten

    Cornelius:

    Genau, das sind die Blicke aus dem Wohnzimmer zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten. Ich habe mich während des Malens für eine bestimmte Tageszeit entschieden und dann versucht, das Licht/ den Himmel entsprechend schnell festzuhalten und dann während der nächsten Tage auszuarbeiten.
    Monet klingt immer gut ;-)

    antworten

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