Backstage: "Sicheres deutsches Internet"?

Thilo
12.11.2013 15 2:46 min

In den letzten Tagen überschlugen sich geradezu Meldungen, nach denen Telekom Deutschland die Grenzen im Internet wieder einführen möchte und ein Deutschland- oder Europa- oder Schengen-Internet aufbauen möchte – mit dem Ziel Ihre Kunden vor den „bösen US-Behörden“ zu schützen.

Das ist unfassbar scheinheilig, denn…

… die Telekom steht als multinationaler Konzern durchaus im Zugriff der US-Behörden und hat über die US-Tochter T-Mobile augenscheinlich große Mengen an Daten an die NSA geliefert.

die Telekom hat augenscheinlich nicht einmal versucht, diese Daten zu schützen, sondern hat bereitwillig alle angeforderten Daten an die NSA herausgegeben.

… es ist zweifelhaft, dass die Telekom US-Behörden den Zugriff auf die Daten ihrer deutscher Kunden verwehren kann. So werden im Falle von Fluggesellschaften nahezu 100% Reisedaten von US-Behörden aufgenommen – beispielsweise auch die Daten deutscher Bürger, die mit einer deutschen Fluggesellschaft einen innerdeutschen Flug buchen. Ähnliches gilt sinngemäß ebenso für Konto- bzw. Bankdaten. Wieso sollte es im Telekomsektor anders laufen?

Warum also möchte Telekom Deutschland E-Mail-Verkehr in Deutschland/Europa/Schengen halten? Worum geht es hier in Wirklichkeit?

Kurz gesagt: natürlich um Macht und um Geld.

Spätestens wenn in Deutschland ansässigen Unternehmen vorgeschrieben wird, das „deutsche, neue und sichere Internet“ zu kaufen, dürfte lästige ausländische Konkurrenz, die bei Ausschreibungen internationaler Unternehmen gerne mitbietet, die Segel streichen müssen.

Perfiderweise ist diese „Lösung“ auch besonders politikfähig. Ebenso wie die nur teilweise verschlüsselte „sichere DE-Mail“ garantiert sie deutschen Behörden weiterhin einen vollen Zugriff auf alle Daten und kostet nichts.

Es gibt aber noch einen weiteren Haken. Während im Telefoniebereich die Bundesnetzagentur in den allermeisten Fällen Entgelte festlegt, die Anbieter für die Durchleitung von Gesprächen verlangen dürfen, ist dies bei dem Austausch von Internet-Verkehren nicht der Fall. Anders als bei Telefonie lässt sich auch die Frage „Wer kauft eigentlich eine Leistung von wem?“ nicht mehr so einfach wie bei Telefonaten beantworten, bei denen einfach der Anrufer als Nachfrager angesehen wird. Die Richtung, in die Daten übertragen werden, lässt auch keinen Rückschluss darauf zu, wer welche Leistung bezieht. Bei einem Internettelefonat werden beispielsweise in beide Richtungen gleich viele Daten übermittelt – egal wer angerufen und wer abgehoben hat.

In diesem regulatorischen Vakuum hat sich ein System ausgebildet, das so einfach wie ungerecht ist: Grössere Anbieter verkaufen Datenaustausch, kleine kaufen ihn – ungeachtet der Frage, wessen Kunden welche Leistungen nutzen.

Zum Ärger der Telekom können die unliebsamen deutschen Wettbewerber jedoch Ihre Internetanbindung auch bei (ebenfalls großen) US-Anbietern kaufen, die dann wiederum die Daten an die Telekom weiterreichen und aufgrund Ihrer Größe (so die Marktlogik) nichts dafür an die Telekom abgegeben. Auch diesem Verfahren möchte die Telekom einen Riegel vorschieben.

Kurz gesagt: die Telekom versucht sich populistisch und mit plumpen Antiamerikanismus einen Vorteil zu verschaffen – obwohl Sie nennenswerte Teile Ihres Geschäfts in den USA macht und bereitwillig mit der NSA kooperiert.

So einfach ist das – und so verlogen.

 

15 Kommentare


chubidu:

Wieder einmal vielen Dank für den sehr erhellenden Hintergrundbericht! Bringen Sie bitte mehr davon, da die Presse sowas leider nicht darstellt.

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Michael:

Völlig richtig – die Telekom versucht immer wieder auf alte Monopol Zeiten zurück zu kommen. Managed Services war auch so ein Thema.
Genauso schwachsinnig war das Thema DE-Mail was man den deutschen Politikern eingeredet hat weil man glaubte damit ein elektronisches „porto“ einführen zu können.
Wenigstens ist der Anwender nicht ganz blöd wenn es an seinen Geldbeutel geht.
Würde mich freuen wenn SiPGATE verschlüsseltes VoIP sowohl bei den IP als bei den Simquadrat Produkten anbieten würde.

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Anonymous:

Ein weiterer Aspekt wäre, dass der Ansatz der DTAG einfach am Problem vorbei geht. Denn 1. gibt es ja auch noch grenzüberschreitenden Datenverkehr, der damit nicht gesichert wäre, weil er ja irgendwann über die Grenze ins Ausland muss.

Und dann gibt es auch im Inland böse Geheimdienste, die dann immernoch mithören können.

Kurz: Der Ansatz geht meilenweit am Problem vorbei.

Hinzu kommt, dass die DTAG bisher kaum Peeringabkommen mit anderen Internetprovidern hat. Datenverkehr zwischen der DTAG und anderen inländischen Netzbetreibern läuft oft über das Ausland – und das ist die Folge der Peeringpolitik der DTAG!

Wahrscheinlich stellt die DTAG sich das Internet so vor, dass man den Zugang zum nationalen Internet nur von der DTAG bekommt.

Irgendwie fühle ich mich gerade an die Zeiten von früher erinnert…

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hans:

Also, Sipgate!

Um ganz ehrlich zu sein, wäre es mir lieber, wenn Ihr Eure Kräfte in Eure Produkte steckt und nicht in die Entwicklung von Verschwörungstheorien!

Wenn schon bashing Journalismus in diese Richtung betrieben wird, dann bitte mit wertungsfreien Fakten – Eine Meinung kann sich dann ein jeder selber schaffen.

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Thilo:

@hans

Hier scheint ein Missverständnis vorzuliegen. Wir betreiben hier keineswegs Journalismus, sondern berichten aus der Sicht einer Telefongesellschaft von politischen und wirtschaftlichen Missständen – und zwar durchaus mit Fakten (siehe die Links).

In diesem speziellen Fall haben wir auch keine abweigige Verschörungstheorie in die Welt gesetzt, sondern in eigenen Worten das wiedergegeben, was sich auch von Zeit (http://www.zeit.de/digital/internet/2013-11/schlandnet-telekom-nsa-internet ), Heise ( http://www.heise.de/netze/meldung/Das-DE-CIX-und-das-Schland-Netz-Betreiber-empoert-ueber-Telekom-Plaene-zum-Schengen-Routing-2044731.html ) & Co. ähnlich bewertet wird.

Wir verwenden eine Menge Zeit und Geld auf die Entwicklung neuer Produkte. Unser Entwicklungsetat liegt bei einem Vielfachen dessen, was andere Unternehmen für Innovationen ausgeben.

Wenn jedoch derartig wettbewerbsfeindliche Ansätze der politischen Schwergewichte Erfolg haben, wird es für Unternehmen wie uns immer schwieriger, am Markt teilzunehmen.

Es wäre naiv, wenn wir uns in unser Labor einschliessen und die Augen vor der Re-Monopolisierung des Telefonmarkets schliessen würden. Es ist weder in unserem noch im Interesse unserer Kunden, wenn wir keine Produkte mehr anbieten können.

Deshalb werden wir auch in Zukunft versuchen, Augenmerk auf derartige Probleme zu lenken.

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bestboy:

Bitte dringend verschlüsselte VoIP-Calls mittels ZRTP einführen.
Nachdem wir jetzt die Gewissheit haben, dass jedes einzelne VoIP-Paket mit dem Ziel der Rekonstruktion des Gesprächs abgefangen und gespeichert wird, sind unverschlüsselte IP-Telefonate einfach nicht mehr zu verantworten.

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Deutsch:

Vielen Dank für die Informationen. Wurde eine nützliche Artikel.

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forumfrank:

@Hans

btr.: „Kräfte in die Produkte stecken“

Auch Staaten sind Unternehmen.

Das nach Art.87 (aufgehoben) ehemals als Behörde betriebene Unternehmen TKAG ist in einem Bereich tätig, in dem auch der Verfassungsgrundsatz der „Staatsfreiheit des Rundfunks“ Bedeutung zu haben scheint.

Insofern nämlich auch Rundfunkanstalten Kommunikationsunternehmen sind und beide (Post und Rundfunk) Staatsmonopol aufgeben mussten.

Im Rundfunkwesen ist uns die Gefahr der „Gleichschaltung“ nach wie vor präsent.

Im Postverkehr weniger, obwohl genau diese beiden Bereiche hier verschmelzen.

Dass ein Unternehmen hier „Investitionssicherung“ genauso betreibt wie eine politische „natürliche Person“ finde ich höchst begrüssenswert und überdies naheliegend und unvermeidlich.

Nicht jede Aktivität von Unternehmen dienen dem Kunden; in diesem Fall würd‘ ich sagen: diese tuts.

mit Gruss, Frank

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user:

Ganz im Ernst?

Der Artikel ist sehr interessant und fundiert. Ich würde mir Wünschen es gäbe solche ernst zunehmenden Artikel auch auf größeren Internet Seiten.

Danke dafür.

ps. ihr seid die besten! :)

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Kostenlose:

Danke für die Liebe und Respekt

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Security Man:

Sicher surfen geht über ein interessantes Schweizer Produkt:
http://enigmabox.net/

Die Sipgate sim Karte kann beispielsweise mit einem Router benutzt werden wie die Fritzbox 7270 und wird dann an die ENIGMA Verschlüsselungsbox angeschlossen. Verschlüsselt telefonieren geht damit auch.

Vielleicht will das jemand seiner Großmutter schenken und diese meldet Sipgate sim Karte auf ihren Namen an?
Natürlich muß man der Oma sagen das sie vorsichtig surfen soll, damit die Schlapphüte nicht vor ihrer Tür stehen. Wäre peinlich for die Oma!

Zusammen gefaßt das „ideale Team“?
Omas-Sipgate sim Karte Internet
Router mit SIM Karte
ENIGMA Box mit VPN (Virtuelles Privates Netzwork) inklusive Telefon verschlüsselt

99% der Leute meckern
1% HANDELN!

Wer bist Du?

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kostenlos:

Vielen Dank für diesen nützlichen Artikel.

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Karsten:

Ich kann vor dem Verein Enigmabox nur warnen. Seit nun über 8 Monaten warte ich auf die zugesagte Erstattung des Kaufpreises für das zurückgeschickte Gerät. Nur Vertröstungen per Mail, man würde dann und dann zahlen. Mein Geld habe ich aber noch nicht zurück.

Hat jemand einen Ansprechpartner mit Namen dort oder einen Kontakt, um zu vermitteln?

Danke und Gruß
Karsten

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Nikevvfree:

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