sipgate ist Hip-Hop – Interview mit Samy Deluxe

Anna
24.01.2001 0 6:34 min

Interview: Jonny Bauer

sipgate: Ich war wirklich erstaunt, wie gut das Konzert heute Abend funktioniert hat. Die Leute waren echt begeistert. Total lockere Stimmung, obwohl es irre voll war.
Deluxe: Die sind abgegangen, als ob sie Eintritt bezahlt hätten! Ich glaube, das haben die Leute hier mal gebraucht. Funky, fresh, peace pur!

sipgate: Du hast schon überall gespielt. Wo ist es besser: hier bei sipgate, in einem Nazidorf, oder auf einem Weinfest?
Deluxe: Das ist eben so cool, dass ich merke, vom Performancelevel, dass ich die Leute einfach mit reinziehen kann – egal wie die Rahmenumstände sind. Weil ich selber einfach Spaß habe, weißt du. Ich mache keine Gigs, weil ich sie machen muss, sondern ich sage nur zu, was wir Bock haben zu machen. Irgendwie habe ich gerade so das Gefühl, ich kann mich nicht verlieren, weißt du. Ich kann auf ’nem Rockfestival auftreten, oder unangekündigt auf ’nem Anti-Nazi-Festival, wo nur AntiFa-Leute sind. Überall ist es cool, selbst auf ’nem Weinfest. Ich fühl mich überall zu Hause, weil ich es dort, wo ich auftrete, zu meinem mache.

sipgate: Wie gesagt, es hat heute unglaublich gut funktioniert. Ihr habt die Leute schnell bekommen und alle sind gehüpft.
Deluxe: Heute waren ganz junge und auch viele ältere Leute da. Ich habe echt das Gefühl, dass die Musiksprache, die ich auf der Bühne spreche, sehr universell funktioniert. Ich bewege Leute einfach, egal woher sie kommen und wie alt oder jung sie sind.
sipgate: Ist das neu für dich?
Deluxe: Nee, das war schon immer so, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich in den letzten Jahren freier geworden bin. Ich bin die ganze Zeit im Studio und mache die ganze Zeit so andere Musik, weißt du. So neue Dinge und immer, wenn ich auf der Bühne bin, fällt mir auf, eh krass, das mache ich ja auch noch. Ich meine damit, dass ich im Alltag fast vergesse, dass mein Hauptberuf das Live-Performen ist. Damit verdiene ich unterm Strich das meiste Geld. Aber ich bin so krass viel im Studio, dass ich mich auf der Bühne freue, dass es diese Live-Ebene gibt.

Eben, da draußen, war sipgate Hip-Hop.

sipgate: Und was ist eigentlich sipgate?
Deluxe: Hm, vorher wusste ich gar nicht was sipgate ist. Eben, da draußen, war sipgate Hip-Hop. Ich habe gerade erst erfahren, was hier gemacht wird. Es war ein cooler Event, ich find’s einfach nice, wenn das für die Leute, die hier arbeiten, ist. Dann ist das ’ne coole company. Ich weiß nicht genau, aber das war doch für die Angestellten, oder war das für die Kunden?
sipgate: Ach, das weißt du gar nicht? Diese Räumlichkeiten sind heute Teil des New Fall Festivals. Eine Idee des Festivals ist, dass Musiker an besonderen Orten auftreten. Von der Tonhalle bis zu sipgate.
Deluxe: Es wirkt auf jeden Fall wie ein nicer Betrieb hier. Ich meine wer hat schon so geschmackvolle Kunst in seinen Räumen hängen. Hier ist jedes Bild geil. Der Raum, der unser Backstage-Raum ist sieht aus, als ob er tagsüber ein Yoga-Raum für die Angestellten ist. Das ist cool, wenn ein Bestandteil der Firmenphilosophie ist, dass sich die Leute wohlfühlen. Mental health ist wichtig.

sipgate: „Du kennst ja Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen/Pudel Club aus deiner Stadt Hamburg. Schorsch, der auch wortreiche Texte hat, benutzt bei Konzerten immer einen Stapel Textblätter der auf der Bühne liegt. Ich habe heute Abend die Bühne gescannt, aber keine Textseiten gefunden. Bei den umfangreichen Lyrics von dir, echt beeindruckend.
Deluxe: Danke für das Kompliment. Es ist einfach zu schwer in Realtime zu lesen, das ist der Grund. Ich habe mal was für „arte“ gedreht und da zum ersten Mal mit einem Teleprompter gearbeitet. Für die Moderationen. Da hat mir der Teleprompterfahrer aus Spaß mal einen Text von mir draufgelegt, dann habe ich versucht das zu rappen, während er in Realtime den Text fährt. Selbst mit Teleprompter ist das echt schwer und Blätter auf der Bühne würden mir überhaupt nichts bringen. Außerdem sind meine Texte sehr von der Musik diktiert. Ich schreibe nicht Poesie in mein Büchlein, sondern Texte über Beats, und die Texte wollen den Beats gerecht werden. Vor einer Tour proben wir schon viel. Aber meine Texte, die übe ich wenig. Das ist mehr so Muscle Memory, kennste? Ich könnte die Texte jetzt nicht so zitieren, wenn die Musik losgeht kommt das einfach so raus.

Das war das beste Gefühl in meinem Leben. Ich lag im Bett und die andern hatten Mathe.

sipgate: Ich habe gelesen, dass du früher in der Schule nicht klarkamst?
Deluxe: Ich hatte Probleme mit falschen Autoritäten. Warum darf ich dich, nur weil du Lehrer bist, nicht hinterfragen? Ich bin oft auf Grenzen gestoßen und so habe ich den Leuten das Leben halt etwas schwieriger gemacht.
sipgate: In der Elften hast du die Schule verlassen und dann?
Deluxe: Das war das beste Gefühl in meinem Leben. Ich lag im Bett und die andern hatten Mathe.

sipgate: In deinen Texten spielt Kiffen auch eine große Rolle.
Deluxe: Ich benutze das Wort in meinen Texten, weil es passt, aber ich bezeichne mich nicht als Kiffer.
sipgate: Warum, ist das Wort negativ besetzt?
Deluxe: Das Klischee davon ist diese Hänger-Attitude: Nichts machen, nicht viel checken. Ich bin da das genaue Gegenteil. Ich bin einfach gerne künstlerisch fokussiert, will diesen Kunst-Tunnelblick haben. Das geht ganz gut mit Rauchen. Ich kann auch stoned in Interviews sitzen und über total komplexe Themengebiete reden. Bei mir wirkt das anders als bei vielen anderen, die langsam und faul werden. Es wird immer bewertet, auch weil es nicht legalisiert ist und die Leute einfach nicht wissen, wie sie korrekt damit umgehen sollen.

sipgate: Ist deine Hose aus Gold?
Deluxe: Ich weiß worauf du hinauswillst. Ich hatte mal eine Bling-Bling-Phase, in der ich mir Uhren und Ketten mit meinem Logo zugelegt habe. Irgendwann in meiner Karriere hatte ich derbe Steuerschulden, totaler Terror. Ich habe das alles meiner Mutter zum Verkaufen gegeben. Eigentlich besitze ich wenige Luxusgüter: ein Auto, ein paar schicke Klamotten – das war’s. Ansonsten gebe ich nur Geld für Musik, für Reisen oder halt zum Leben aus.

sipgate: Kommen wir nochmal auf deine Live-Performance zurück. Früher warst du live „nur“ mit DJ Dynamite jetzt immer mit Band?
Deluxe: Seit 2009 bin ich mit Liveband unterwegs, manchmal zusätzlich mit DJ, wie heute, dass DJ-Vito mal ein paar Dinger von Platte haut. Mit DJ-Vito arbeite ich schon super lange zusammen, über 10 Jahre. Er produziert Beats für meine Alben und ist live als DJ und Backup-Rapper dabei. Heute hatten wir das kleine Besteck dabei. Wir waren gerade mit dem Unplugged-Ding auf Tour und haben die Platte dazu gemacht. Bei Festivals sind wir die ganze Zeit mit 20 Leuten auf der Bühne. Hier bei euch, den Umständen entsprechend, halt kleiner. Aber auch das hat Style.

Weitere interessante Beiträge

Keine Kommentare


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.