Warum sich WordPress gegen 17 andere CMS durchgesetzt hat

Mathias
27.06.2018 2 10:07 min

Tl;dr;

Welches CMS ist das beste? Wir haben uns 4 Wochen Zeit genommen, um das beste CMS für unsere Anforderungen zu finden. Was uns dabei sehr geholfen hat: Wir haben die Redakteure als Kunden betrachtet und mit in die Entscheidung einbezogen. Das Ergebnis ist: WordPress. Wie wir dorthin gelangt sind? User Tests!

Was Webseiten angeht, haben wir eine lange Historie. Die Firma ist gestartet und gewachsen mit einem sehr technischen Produkt, nämlich sipgate basic, d.h. VoIP-Telefonie für Privatkunden. Es wurde von Entwicklern für technisch versierte Menschen gebaut. Und zwar alles: das Produkt an sich, das Web-Frontend auf dem man alles einstellt, und auch die Webseiten die das Produkt vorstellen und bewerben. Wenn man auf den Webseiten das Produkt anders beschreiben wollte, brauchte man dafür Entwickler. Diese haben die Webseiten gebaut, gepflegt und befüllt.

Das blieb eine ganze Weile so, auch noch mit wachsender Kundenzahl, neuen Produkten und selbst nachdem wir intern agile Produktteams gebildet hatten. Doch die Erkenntnis wurde immer stärker: Nicht nur Programmierer sollten Webseiten bauen können, sondern vor allem Redakteure. Oder noch besser jeder bei uns.

Ein CMS zu nutzen ist jetzt kein revolutionärer Schritt, sondern war eine längst überfällige Entscheidung. Die spannende Frage war: welches CMS ist für uns das beste?

Was sind deine Anforderungen?

Leider ist “das beste” reichlich schwammig. Was heißt das für uns? Welche Anforderungen an ein CMS haben wir und wie soll die tägliche Arbeiten damit aussehen?

Zumindest die letzte Frage konnten wir sehr schnell beantworten. Unser Design System, welches wir die letzten 3 Jahre entwickelt haben, gibt uns eine klare Antwort dazu: Purpose First. Sprich, stelle den Zweck deiner Seite in den Mittelpunkt und gestalte mit den Bausteinen der Pattern Library deine Seite. Welche Vorteile dieses Prinzip hat und wie es funktioniert, haben wir hier erklärt.

Unser Design System als Offline Wireframing Board. Gut zu sehen: Alle Patterns haben Vollbreite und sind in sich geschlossene Bereiche.

Daraus folgte, dass wir ein CMS brauchen, was uns ermöglicht Bausteine zu gestalten, damit Redakteure diese wie Legosteine zusammenbauen können.

Zudem soll unser Design System vom CMS getrennt sein, da die Entwicklung unabhängig vom CMS stattfindet und am liebsten über eine Versionsverwaltung (GIT) automatisch ins CMS deployed werden soll.

Dies sind nur zwei der knapp 40 Anforderungen die wir in einem Workshop ermittelten und die wir anschließend in “Must Have” und “Optional” eingeteilt haben. Wichtig dabei ist, dass nicht nur die Entwicklersicht im Vordergrund steht. Genauso wichtig wie die oben beschrieben Anforderungen sind Features wie: “Schutz vor gegenseitigem Überschreiben”, “Aussagekräftige Preview” oder “Einfacher, leicht zu verstehender Editor”.

Aus der Historie haben wir gelernt, dass der Kunde des CMS nicht der Entwickler oder Administrator ist, sondern die Menschen die Content schreiben. Ergo haben wir deren Anforderungen höher priorisiert, als die von Entwicklern.

Welches CMS hätten sie denn gerne?

Content Management Systeme gibt es wie Sand am Meer. Doch wenn du weißt was du von einem CMS erwartest fällt es dir viel leichter die Angebote sinnvoll zu filtern. Wir nahmen uns mit vier Leuten eine Woche Zeit und schauten uns jeder ein CMS pro Tag an. Wir klickten uns durch Online-Demos, installierten Demoversionen und durchstöberten Dokumentationen und Tutorials. Dabei sammelten wir unsere Erkenntnisse in einer großen Google Spreadsheet Tabelle und ermittelten, ob das getestete CMS den Anforderungen standhält.

Dieser Schritt war unheimlich wichtig. Nur durch diese sorgfältige Recherche war es möglich Abstand von Werbeversprechen und gehypten Newcomern zu nehmen. Wir konnten dadurch die Anzahl von 17 CMS auf vier mögliche Kandidaten reduzieren.

Unsere Gewinner waren: Craft, Impress Pages, Neos, WordPress

(Eine ausführliche Begründung für jedes CMS gibt es im Anhang)

Lasst die User zu Wort kommen

Der nächste Schritt war ungewöhnlich, aber eigentlich simpel. Der beste Weg um sinnvolles Feedback zu bekommen sind User Tests. Wir nahmen uns eine weitere Woche Zeit und implementierten eine Handvoll unserer Patterns in den jeweiligen CMS und formulierten 3 kurze Aufgaben.

Corinna beim User Test. Die Aufgabe: setze das Design wie im ausgedruckten Screenshot um.

  1. Erstelle eine neue Seite. Die Reihenfolge der Patterns, die Bilder und die Inhalte sind dabei vorgegeben ( Screenshot vom Designer / Photoshop)
  2. Ändere an einer Seite einen Text / ein Bild und die Reihenfolge der Bausteine
  3. Setze die Revision einer Seite zurück

Um einen direkten Vergleich zwischen den Systemen zu haben, setzten wir die Probanden jeweils vor 2 der Kandidaten und ließen sie die Aufgaben in beiden CMS umsetzen. Um das Ergebnis nicht zu verfälschen bekamen die Tester die Systeme in verschiedenen Reihenfolgen. Zwölf Tests später hatten wir alle 4 Systeme getestet und 24 Fragebögen zum Auswerten. Jedes CMS wurde von 6 Personen bewertet. Eine solide Grundlage für ein Stimmungsbild und sehr wertvolle Erkenntnisse.

Unser Board zur Organisation der User Tests. Unser Proband wurde immer von einem Versuchsleiter durch den Test geführt und ein Protokollant sammelte die Aktionen und Reaktionen.

Die Tests hatten für uns zwei wichtige Ergebnisse: Zum einen erkannten wir welche Menüs und Editoren leicht zu bedienen waren / bei welchen CMS sich unsere Probanden zurecht fanden und zum anderen fühlten sich alle zukünftigen User in die Entscheidung einbezogen.

Der User Test war für alle freiwillig und für jeden offen, wobei wir vor allem die Menschen und Rollen eingeladen haben, die später das System regelmäßig benutzen müssen. Dies schaffte sehr viel Akzeptanz für unsere spätere Entscheidung.

 

Was wir gelernt haben

Die wichtigste Erkenntnis aus dem vierwöchigen Experiment ist sehr simpel:

Behandle deine Redakteure wie Kunden. Frage sie nach ihren Wünschen und richte das CMS auf sie zugeschnitten ein. Rede mit ihnen, drehe Feedbackschleifen und finde das CMS, was für die real existierenden Aufgaben das richtige ist.

Denn 95% der Interaktion mit dem System gehen vom Redakteur aus, nicht vom Admin oder Entwickler.

Und WordPress?

Wir haben uns am Ende für WordPress entschieden. Wir sind nicht die Frankfurter Allgemeine Zeitung die mehr als 1000 Redakteure haben, die täglich auf das System zugreifen. Wir sind eine kleine mittelständische Firma die kein Produkt besitzt, was mehr als 200 Webseiten hat. Einfachheit in der Bedienung und der Zugang für jeden ist für uns wichtiger als die Abbildung eines ganzen Workflows. Jeder soll und darf Änderungen vornehmen, wir brauchen keine großen Publish-Workflows. Die Einfachheit von WordPress reicht uns vollkommen aus. Jeder in der Firma hatte schon mal ein WordPress von innen gesehen.

Die Community um WordPress ist riesengroß und jede Entwicklung am System ist sehr einfach, denn es gibt bereits viele Lösungen in Form von Plugins. Die Dokumentation für die Entwickler ist sehr umfangreich. Zudem lieben wir den “Open Source” Gedanken und bevorzugen solche Systeme.

Die anderen Kandidaten

Wie versprochen möchte ich zum Abschluss noch ein paar Worte über die Kandidaten verlieren, die es nicht geschafft haben. Das heißt nicht, dass diese CMS schlecht oder unbrauchbar sind, aber sie waren für uns in einigen Aspekten unpassend oder hatten einen anderen Fokus.

Craft

Craft ist ein sehr sauber gestaltetes und einfaches CMS. Wir fanden es in der Standard-Konfiguration sogar etwas übersichtlicher und hübscher als WordPress. Vom Funktionsumfang haben wir beim näheren Testen keinen Unterschied zwischen den CMS feststellen können, außer, dass einige Features bei Craft im Core des CMS liegen für die WordPress ein Plugin braucht. Die Community von Craft ist groß, der Slack Channel sehr aktiv und man findet im Internet genügend Tutorials und Stack Overflow Hilfen.

Das Plugin Verzeichnis ist umfangreich und keine Suche darin blieb ergebnislos. Templates werden in PHP und TWIG geschrieben, was eine sehr alte Technologie ist, aber für jeden Zugänglich und leicht verständlich, was punktet.

Was uns auch sehr gut gefallen hat, war die sehr einfache Konfiguration des Backends für die Redakteure.

Im Usertest gab es zwischen Craft und WordPress kaum einen Unterschied. Ich würde daher nicht sagen, dass WordPress besser ist. Wir haben uns dennoch gegen Craft und für WordPress entschieden, da es Open Source ist und wir die Community als größer und aktiver einschätzen.

Neos

Neos bezeichnen wir gerne als das Photoshop für Webseiten. Das gesamte CMS ist auf die visuelle Bearbeitung von Webseiten ausgelegt. Jeder Designer fühlt sich direkt zuhause, da das UI stark an bekannte Bildbearbeitungstools erinnert.

Man merkt, dass Neos eine Weiterentwicklung von Typo3 ist. Die Konfiguration und Entwicklung basiert auf YAML und TypoScript. Alles innerhalb des Systems ist anpassbar, so dass man Workflows und UI an seine Bedürfnisse anpassen kann. Dies ist jedoch Voraussetzung um Ansichten für Minimal-Benutzer zu schaffen, da sie sonst vom Funktionsumfang überwältigt werden. Dies ist für uns der größte Kritikpunkt. Der Otto-Normal User hat eine zu große Einstiegshürde.

Was wiederum sehr gelungen ist, ist das inline-editing des Editors.

Impress Pages

Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, dann müssen wir Impress Pages als das bezeichnen was es ist: Ein frickel-PHP-CMS. Mit keinen 500 Stars auf GitHub ist es auch kein bekannter Rockstar in der Szene. Die Community ist eher klein und weniger aktiv. Dennoch hat das ganze CMS einen erfrischenden Ansatz, der perfekt zu unserem Design System passt:

Im Mittelpunkt des Editors steht die Widget Bar, eine große Toolbar die es per Drag & Drop Ermöglicht Blöcke in die Seite zu ziehen und anschließend mit Inhalten zu befüllen. Der gesamte Editor Modus ist daher ein großer WYSIWYG-Editor mit Inline Editing in den Bausteinen.

Das ganze System ist sehr schlank, was den Einstieg erleichtert. Das bauen neuer Blöcke ist gut dokumentiert und man merkte das dies der Fokus des CMS ist.

Für kleinere Seiten und Projekte ist Impress Pages sicherlich eine gute Alternative, aber für größere produktive Seiten keine Option.

Hubspot

Weil unsere Kollegen aus dem Marketing mit Hubspot ein gutes Customer Relationship Management (CRM) System gefunden hatten, portierten wir ein Produkt in das Hubspot CMS. Wir erhofften uns damit Synergien zwischen den CRM-Daten und unseren Webseiten um z.B. an den Kunden angepasste, dynamische Seiten zu haben. Diese versprochenen Features erwiesen sich als unbrauchbar und trotz des ansehnlichen Drag & Drop Editors bei der Seitenbearbeitung war die Seitenverwaltung ziemlich unübersichtlich. Die Asset Verwaltung und die Mediathek waren unbenutzbar.

Um einen Vergleich zu den anderen CMS zu haben, führten wir neben den von uns validierten CMS auch Usertests mit Hubspot durch. Man muss dabei ehrlich gestehen, dass die Ergebnisse mit denen der anderen CMS vergleichbar waren.

Immerhin konnten wir so sicherstellen, dass unsere Redakteure den Umzug auf ein anderes CMS akzeptieren würden. Aus der Sicht der Entwickler war dies ein sehr beruhigendes Ergebnis, da sie HubSpot ihnen die Pattern-Verwaltung sehr schwer machte.

Gibts das auch als Video?

Ja! Auf dem WordCamp Retreat in Soltau habe ich dazu spontan einen Vortrag gehalten. Die Folien dazu gibts hier.

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jeggy:

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