Wie wir Überstunden einfach wegstempeln

Johanna
13.07.2016 9 3:27 min

1,8 Milliarden Überstunden in 2015. Weltweit? Nö! Allein in Deutschland hat sich diese gigantische Summe angesammelt – über die Hälfte davon unbezahlt.

Da hat die Saarbrücker Zeitung, auf die sich seit gestern sämtliche Medien berufen, mächtig was losgetreten. Und wer jetzt „Sommerloch“ brüllt und meint, Überstunden gehören zum Arbeitsalltag wie Filterkaffee und Kantinenessen, dem sei gesagt, dass das – mit Verlaub – völliger Blödsinn ist.

Überstunden machen nicht produktiver

1,8 Milliarden Überstunden und ich habe zu keiner davon beigetragen. Meine Kollegen auch nicht. Wenn man sich die Zahlen anschaut, scheint das doch eigentlich die viel größere Nachricht zu sein. „Extrablatt! Extrablatt! Firma macht KEINE Überstunden.“ Irgendwie witzig, aber vor allem traurig. Denn so sehr ich meine Arbeit mag und gerne Zeit im Büro verbringe, genauso gerne sehe ich meine Liebsten und beschäftige mich mit anderen Dingen. Fakt ist: Wenn diese Balance dauerhaft gestört ist, kann man nicht mehr leidenschaftlich bei der Sache sein. Dann verschwimmt der Fokus und die Qualität leidet. Durch mehr Arbeit werde ich ganz sicher nicht besser, bloß unzufrieden.

40 Stunden und keine Minute mehr

40 Stunden klingen nach einer halbwegs willkürlichen Zahl. Aber tatsächlich wurde sie mit Sinn und Verstand gewählt. Kein geringerer als Henry Ford hat getestet und festgestellt, dass die ungefähre Zeit, die ein Mensch in der Woche produktiv arbeiten kann, bei Pi mal Daumen 40 Stunden liegt. Das Ganze ist ein Weilchen her und man kann sicher darüber streiten, ob das heute auch noch gilt. Ein acht Stunden Tag fühlt sich für uns aber gut an. Ganz bestimmt auch deswegen, weil es wirklich dabei bleibt.

Okay, erwischt. Auch wir sind mal ein paar Minuten oder Stunden länger im Büro, wenn es brennt oder wir einfach eine Sache fertig bekommen wollen. Das entscheidet aber kein Vorgesetzter. Was bei uns zählt, sind Selbstverantwortung und die Gewissheit, dass wir jede Stunde, die wir heute länger bleiben, morgen früher gehen können. Ganz ohne fragende Blicke oder gar doofe Kommentare. Wenn Überstunden zur Regel werden, ist klar: da stimmt was nicht. Sie sind ein Indikator für fehlerhafte Prozesse. Wir haben standardisierte Abläufe, die helfen, die Ursachen ausfindig zu machen und abzuschaffen. Hierzu an anderer Stelle mehr.

Vertrauen ist gut, Stempeln ist besser

Ich wage zu behaupten, Überstunden zu vermeiden funktioniert bei uns unter anderem auch deshalb so gut, weil wir eine Stempeluhr haben. Richtig gelesen: progressives Unternehmen und piefiges (digitales) Stempelsystem. Ich kann mir nichts Besseres vorstellen und würde jegliche Form von Zeiterfassung immer empfehlen. Denn so ziemlich jede Studie über Vertrauensarbeitszeit und die eigene Erfahrung mit selbiger zeigen, dass im Schnitt Unmengen an Überstunden gemacht werden. Oft unbemerkt, aber mit gravierenden Folgen: Schon die halbe Überstunde täglich addiert sich im Jahr ganz locker auf 12 oder mehr Arbeitstage. Auch kritische Beobachtungen von Kollegen á la „Franz geht heute aber früh.“ oder „Jana kommt immer erst mittags ins Büro, die arbeitet auf jeden Fall weniger als ich“ werden dank der Stempeluhr abgestellt.

Wichtig ist, dass es nicht darum gehen darf, Mitarbeiter zu überwachen. Die Stempeluhr dient vorrangig als Hilfsmittel zur Selbstkontrolle. Jeder bei uns kann sich eigenständig in das System einloggen und Zeiten ändern oder nachtragen. Hier wird Vertrauen dann nämlich doch groß geschrieben. Im System online und auch bei jedem Stempeln auf der Uhr selbst wird der aktuelle „Kontostand“ angezeigt. Bei größeren und andauernden Abweichungen begeben wir uns auf die Suche nach der Ursache, um diese dann konkret anzugehen. Denn natürlich bringt die beste Stempeluhr der Welt nichts, wenn man nicht auf sie hört.

Was sind eure Erfahrungen mit Überstunden? Macht ihr welche? Und wenn ja, wie geht ihr damit um?

 

 

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